Geschichten
Szeklerland
Wandern mit Zsolt · Das Szeklerland
Wie Geschichte lebendig wird
"Ich bin ein lokaler Patriot."
Mitte Oktober, ungewöhnliche 25 Grad, Székelykeresztúr flimmert träge in der Sonne. Nur oben, über den verbrannten Hügeln, wo weiß das Jesuskreuz leuchtet, ahnt man eine Brise – ein Spaziergang soll uns hinführen. Zsolt Kovács, Mitarbeiter und Mentor bei A.T.A., leitet mir und weiteren Volunteers den Weg, federt gleich recht flott übers braune Gras. Jahrelange Fabrikarbeit in Westeuropa haben ihn ausdauernd gemacht. Während meiner Recherche über die hiesige Region will ich wissen, warum er zurückgekommen ist. „Ich war in Dänemark nur, um zu arbeiten“, schreibt Zsolt mir, mehr hätte ihn nie dorthin gezogen. Als genug Geld vorhanden war, konnte er sich einen Hausbau in der Heimat leisten, dort, wo auch seine Vorfahren lebten. „I am a local patriot“. Zsolts Verhältnis zum Ort ist gefestigt, er ist stolz auf Kultur und Sprache.
Heimat wird hier aber zum schwierigen Begriff, wenn man ihn als Zugehörigkeit zu einem Staat definiert.Im Mittelalter nehmen Ungarn während ihrer Landnahme die Region ein. Ein sogenanntes „Hilfsvolk“, später als „Szekler“ bezeichnet, wird in grenznahen Gebieten zur Verteidigung angesiedelt. Seine geographische und sprachliche Herkunft ist heute nicht mehr eindeutig nachweisbar, die Bezeichnung rührt lediglich aus der vorgenommenen Unterteilung seiner Gebiete in Kantone oder „Stuhlbezirke“ (ungarisch „széc“). Nach ihrer Umsiedlung nach Osten ist die Volksgruppe vom großen ungarischen Sprachraum isoliert und genießt gleichzeitig weitgehende innere Unabhängigkeit vom Königreich. So kann aus der reinen Rechtsgemeinschaft mit der Zeit eine Idendität und Ethnograpie erwachsen: Die Szekler als magyarisches (=ungarischsprachiges) Soldatenvolk. Erinnerungssäulen und Szeklertore mit ortsspezifischer Verzierung unterscheiden die Region noch heute von anderen.
Seine Autonomie bleibt bis ins 19. Jahrhundert bestehen. Erst 1867 wird das Szeklerland in Österreich-Ungarn eingegliedert und verliert den Sonderstatus. Als die Doppelmonarchie 1918 zu den Verlierern des Krieges zählt, wird Siebenbürgen mitsamt dem Szeklerland im Vertrag von Trianon Rumänien vermacht. 20 Jahr später will Ungarn während des zweiten Weltkriegs diejenigen Gebiete Siebenbürgens annektieren, in denen Magyaren wohnen. Rumänien wird daraufhin mit dem 2. Wiener Schiedsspruch („Wiener Diktat“) vom Deutschen Reich und Italien gezwungen, Nord-Transsilvanien abzutreten. Das Szeklerland ist für 4 Jahre erneut Teil Ungarns, bis 1944 die Rote Armee einmarschiert und Rumänien die Verwaltung wieder übernimmt. Diese Restaurierung wird 1946 in der Pariser Friedenskonferenz festgeschrieben und besteht bis heute.
Die wechselhafte Geschichte wird greifbar, als wir den Gipfel erreichen: Dreimal hat das Bergreuz seit seiner Errichtung vor etwa 100 Jahren die Nationalität gewechselt, im Wechsel ungarisches und rumänisches Territorium im Tal bewacht. Zsolt deutet auf die gegenüberliegende Bergkette. „Dort war die Grenze“. Sprachlich existiert diese Linie noch immer, kaum jemand spricht im 20 Kilometer entfernten Sighișoara ungarisch, in Székelykeresztúr fast jeder.
Welchem Staat fühlt er sich zugehörig, oder anders, welches der Länder hat den ursprünglicheren Anspruch auf die Szekler-Region? Keines, meint Zsolt. Beide hätten das Gebiet für ihre Zwecke benutzt, tun es immer noch. Bukarest lehnt alle Autonomiebestrebungen ab, die territoriale Einheit dürfe nicht in Frage gestellt werden. Gleichzeitig werden die 600.000 Bewohner der ungarischen Kreise Harghita, Covasna und Mures kategorisch vernachlässigt.
Ein Blick ins Tal: 3, vielleicht 4 Fabrikschornsteine rauchen träge im blauen Nachmittagshimmel, ein Pferdepflug zieht übers Feld. „Wir sind die wirtschaftlich schwächste Region in Rumänien“, so unser Wanderführer. Von den Einnahmen, die die Regierung im Land verteilt, sähen die Szeklerkreise am wenigsten. Die Menschen sollen bewegt werden, dem Geld hinterher in die rumänischen Städte zu ziehen, damit sich die hohe Konzentration an ethnischen Ungarn ausdünnt.
Kein Wunder, dass viele hier nicht gut auf den rumänischen Staat zu sprechen sind. Das wiederum macht sich der Nachbar zunutze: 2011 führte die rechtskonservative Regierung unter Victor Orban die doppelte Staatsbürgerschaft für im Ausland lebende Ungarn ein. Den Kritikern erwiederte man, es handle sich um einen rein symbolischen Akt. Das war schnell veressen: Später durften die „neuen“ Ungarn in Siebenbürgen nach einer weiteren Verfassungsänderung auch das Parlament mitwählen. Mehr als 90% stimmten, na klar, für Orbans FIDESZ. Wie auch immer man diese Entscheidungen bewertet, als Stimmenkauf und Aufweichung des Trianon-Vertrages zum Beispiel – die Folge war eine Politisierung auf beiden seiten. 2013 ließen rumänische Behörden die Szekler-Fahnen in Siebenbürgen entfernen. Als Ungarn Rumänien massiv kritisierte, war dessen Reaktion ähnlich wie zu kommunistischen Zeiten, als Ceaușescu den Szeklern das Leben schwer machte: Keine Einmischung in innenpolitische Angelegenheiten bitte!
Abstieg durch welliges Hügelland, dann laufen wir im Abendlicht durch Székelykeresztúr zurück. Zahlreiche blau-goldene Flaggen wehen von Firsten und Balkonen. Sie scheinen zu rufen:
Jetzt erst recht…
Wenn diese Geschichte Ihr Interesse geweckt hat, mehr über das ländliche Siebenbürgen zu erfahren, können Sie uns gerne kontaktieren:
· office.ata@gmail.com (unsere Jugendorganisation)
· office.aacs@gmail.com (die lokale Organisation der Landwirte in und um Cristuru Secuiesc)
