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Religionen
Ein Ort - verschiedene Religionen
Glaubensfreiheit in Siebenbürgen
Am 1. November, zu Allerheiligen, strömen hunderte Menschen nach Einbruch der Dunkelheit auf die zwei Hangfriedhöfe von Cristuru Secuiesc. Kaum jemand spricht ein Wort, alle bringen sie Kerzen an die Gräber der Verwandten und verwandeln den Berg in ein flackerndes Lichtermeer. Es ist eigentlich ein katholischer Brauch: Die Heiligen der Bibel sollen gefeiert, gleichzeitig an die verstorbenen Verwandten erinnert werden. Dieses Totengedenken haben aber mittlerweile auch die anderen Konfessionen in Siebenbürgen übernommen. Neben der kleinen orthodoxen und der katholischen Gemeinde gibt es außerdem eine calvinistische und eine unitarische Kirche im Ort – zusammen besuchen sie den gemeinsam genutzen Friedhof. Das ist für mich ungewönlich. Zwar sind Kirchgärten in Deutschland für alle Glaubensrichtungen geöffnet, doch werden die verschiedenen Bräuche meist separiert begangen. Hinzu kommt, dass sich außerhalb der Städte gut in große katholische und protestantische Regionen unterteilen lässt.
Warum kann man gerade hier eine ungewöhnliche Heterogenität der Religonen finden?
Das sich formende ungarische Reich siedelte im Mittelalter die Szekler und deutschsprachige Volksgruppen („Sachsen“) als Wächter an den Grenzen des Karpatenbeckens an, denen man einen Sonderstatus innerhalb des Königreichs Ungarn gewährte. Die Siebenbürger Stände waren in einem Landtag organisiert. Unter Ausschluss der Wallachen (Rumänen) nannte man sich die „unio trium nationum“, bestehend aus dem ungarischen Adel mit 7 Komitaten, dem Königsboden der Sachsen mit 7 Stühlen und 7 Szeklerstühlen. Außerhalb des Landtages waren die Ethnien aber (auch schlicht geographisch) unter sich – „Siebenbürgen“ war den einfachen Menschen bloß die nächstgrößere Verwaltungseinheit. Die Schlacht von Mohacs 1526 trat eine Veränderung los: Nachdem Ungarn vom Osmanischen Reich geschlagen worden war, wurde die Region zum autonomen Fürstentum. Den Türken zwar tributpflichtig, doch jetzt unabhängig von den Habsburgern und dem heiligen römischen Reich und der katholischen Kirche, war eine eigene Entwicklung möglich geworden.
Immer wieder fallen die Osmanen ein, plündern Höfe, roden Felder, schlachten Vieh. Die Theologen interpretieren das damals als eine „Geißel Gottes“ für falsche Entwicklungen in der Religon. Man beginnt, den Glauben zu hinterfragen, eine geistige Entwicklung beginnt – günstige Bedingung für das Fruchten reformatorischer Ideen.
Die Umsetzung der Reformation ist zunächst von den Ethnien abhängig. Während die Siebenbürger Sachsen, da keine Universität in der Region existiert, in Krakau, Basel, Nürnberg studieren und vor allem lutherische Ideen zurück nach Haue bringen, lassen sich ungarischen Studenten mehr von Calvin beeinflussen. Dessen Lehren werden von Caspar Held in Cluj-Napoca aufgegriffen und zur unitarischen Kirche umgeformt – die damals einzige transethnische Glaubensrichtung. Das Szeklervolk hingegen bleibt römisch-katholisch .
Katholische Kirche:
– Abendmahl: Brot und Wein wandeln sich in Leib und Blut Christi
– Beichten als Befreiung von Sünden
– Verehrung Marias und der Heiligen
– Sieben Sakramente: Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Krankensalbung, Eheschließung und Priesterweihung
Reformierte/Calvinistische Kirche:
– das Abendmahl ist lediglich ein Symbol, es wird als bloße Erinnerungsfeier begangen
– Taufe + Konfirmation
– Schlagworte: Freier Wille, Vernunft im Geiste der Reformation
– Bilderverbot, schlichte Kirchenräume
– für Siebenbürgen: Sitz in Cluj-Napoca
Unitarische Kirche:
– ähnlich der reformierten Kirche, aber mit einem großen Unterschied: Die Trinitätslehre wird verworfen
– Gott ist Geist und Liebe, Jesus ein Mensch (nicht göttlich) und der Heilige Geist eine Kraft
– Superintendur in Cluj-Napoca
1568 folgt ein bis dahin beispielloser Akt: Auf dem Landtag von Torda beschließt man eine interkonfessionelle Verfassung, die alle vier christlichen Konfessionen anerkennt. Es ist die erste rechtlich festgeschriebene Religionsfreiheit in Europa. Sie wird damals sogar theologisch begründet (Römer 10,17): „So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft aber im Wort Christi.“ Soll heißen: Was Gott sagt, darf jeder etwas anders interpretieren. Heute bezeichnen Experten das Ereignis auch aus einem anderen Grund als „kirchlichen Sonderfall“: Die Verbreitung der Reformation geschah zwar im Rahmen der staatlich gesicherten Glaubensfreiheit, nicht aber durch den Staat selbst. Das sah in Deutschland zum Beispiel gänzlich anders aus: Dort folgte man während der Reformation lange dem Prinzip „Cuius regio, eius relgio“. (wessen Gebiet, dessen Religion). War der Landesfürst ein Lutheraner, dann durft auch das Volk protestantisch sein, sonst oft nicht…
Heute, knapp ein halbes Jahrtausend später, nach Kriegen, Machtwechseln und territorialen Verschiebungen (Siehe dazu auch: WANDERN MIT ZSOLT), hat sich Siebenbürgen eine ganze Reihe lebendiger Gemeinden bewahrt. Nachdem die Region rumänisch geworden war, hatte sie gleichfalls 40 Jahre Kommunismus und Anti-Religionspolitik bis 1990 durchlebt. Trotzdem konnte das den Glauben nicht ausrotten. In der säkulären (Staat und Kirche trennenden) Republik sagten 2005 90% der Einwohner, dass sie an Gott glauben. Vier von fünf bekannten sich zur rumänisch-orthodoxen Kirche. In Cristuru Secuisesc ist, mit 3200 Mitgliedern, die calvinistische Gmeinde die Größte. Es folgen die unitarische Kirche mit 2000 und die katholische mit etwa 1000. Einen gewissen Einfluss hat die Ethnie also noch immer auf die Relgion: Mit 2% Rumänen in der Stadt ist auch die Zahl der Orthodoxen verschwindend gering.
Nach Allerheiligen beschließen wir, die Pfarrer der Stadt um ein Interview zu bitten. Csaba Tódor von der unitarsichen Kirche antwortet uns als Erster. Er ist erst seit einigen Jahren in Cristuru Secuiesc, kommt gerade aus Boston von einem Treffen mit einer Partnergemeinde zurück. Er beschreibt das Verhältnis zu den anderen Konfessionen als lebendig, ausdrücklich auch zur katholischen Kirche. Die sei in diesem Jahr Ausrichter eines ökumenischen Gottesdienstes gewesen. „Die ökumenische Gebetswoche umfasst 5 Tage. Wir fahren nach Betfalva, Fiatfalva, jeden Abend gehen wir an verschiedene Orte, um zu feiern. Überall spricht und betet jemand anders und die ganze Gemeinschaft ist da, wir sind zusammen.“, bestätigt der Katholike Peter Kovács. Der reformierte Pfarrer Zoltán Antal sagt, ohne ins Detail zu gehen: „In der Region ist die Beziehung zwischen den Kirchen sehr speziell und sehr gut.“
Probleme sähen sie an anderer Stelle: Die verlorengegangenen Besitztümer der Kirche während des Kommunismus würden vom Staat etwa zu langsam zurückgegeben, beklagt Csaba Tódor. Zoltán Antal, seit 30 Jahren in der Gemeinde tätig, eine Ungarnflagge auf dem Schreibtisch, holt in eine andere Richtung aus: „Mein Dilemma ist: Was kann ich tun, damit die jungen Erwachsenen die Religion und die konservativen Werte verstehen und lieben?“ Dann wird es auch wieder politisch. „Warum ist für mich oder die Alten unser Nationalfeiertag am 23. Oktober (1956: Revolution in Ungarn) wichtig? Oder der Regimewechsel im Jahr 89? Wie kann ich diese Lebenserfahrungen an die Jugend weitergeben?“ Deshalb organisiert die Gemeinde Veranstaltungen mit Informationen über die Geschichte. „Was bedeutet 1956 heute? Sie wussten es nicht, ich musste es ihnen sagen.“ Am Ende des Gespräches kommt er aber noch einmal zurück zu seinen Wertvorstellungen abseits von Geschichte und Politik. Eltern sollten ihren Kindern beibringen, was moralisch in Ordnung ist und was nicht, meint er. „Vielleicht werden sie scheitern, ist egal, sie werden lernen, damit umzugehen, aber sie sollten sich nicht manipulieren lassen. Wir dürfen sie nicht kontrollieren. Das ist alles.“
Das Denken ist jedem Menschen selbst überlassen, und so sollte auch der Glauben frei wählbar sein. Da sind 450 Jahre Religionsfreiheit in Siebenbürgen doch ein gutes Beispiel, das wir nicht vergessen sollten.
Wenn diese Geschichte Ihr Interesse geweckt hat, mehr über das ländliche Siebenbürgen zu erfahren, können Sie uns gerne kontaktieren:
· office.ata@gmail.com (unsere Jugendorganisation)
· office.aacs@gmail.com (die lokale Organisation der Landwirte in und um Cristuru Secuiesc)
