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Balázs: Schäfer

Balázs · Schäfer

Über die Hügel bei Keresztúr
  • Schafherde
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  • Balázs

"Heutzutage ist es sehr schwierig, neue Hirten zu finden.

Junge Leute sind nicht ausgebildet und achten nicht auf alle Details"

 

Als wir versuchen, Balázs und seine Schafherde zu erreichen, sehen wir uns zunächst von einem Rudel Hunden umgeben, die uns anbellen. Doch der Schäfer ruft, wir hätten nichts zu befürchten und so passieren wir die Wache und finden seinen schattigen Unterstand in der Mitte des Hügels: Über den hölzernen Hirtenstab gelehnt, raucht Balázs die erste der vielen Zigaretten an diesem Nachmittag. Er ist 41 Jahre alt, war sein ganzes Leben lang ein Schäfer. Seine Eltern starben früh und sein Onkel, auch ein Hirte, zog ihn auf. Er absolvierte den Schulabschluss, aber zwischendurch und danach blieb er im „Familienunternehmen.“: „Heutzutage ist es sehr schwierig, neue Hirten zu finden. Junge Leute sind nicht ausgebildet und achten nicht auf alle Details“, beschwert er sich, als er nach der nächsten Generation von Hirten gefragt wird. Die Bräune im Gesicht und die vielen Falten zeugen von tausenden Arbeitsstunden unter der siebenbürgischen Sonne. Graue, kurze Locken blitzen unter einer blassblauen Mütze hervor, er trägt ein ebenfalls sonnenverblasstes, abgenutztes Werbe-T-Shirt. Ein altes Handy aus der Zeit vor dem Smartphone hängt in einer kleinen Stofftasche, die mit einer Schnur um seinen Hals gebunden ist.

  • Schafherde
  • Balázs
  • Balázs und die Schafherde

Zwischen uns steht eine Sprachbarriere: Sein Englisch ist sehr einfach, mein Ungarisch existiert nicht. Trotzdem versucht Balázs immer wieder zu kommunizieren und lässt sich nicht in seinem Redefluss stoppen. Englisch, Rumänisch und Ungarisch formt er zu einer Mixsprache, um seine Botschaft doch irgendwie verständlich zu machen. Die Kamera stört ihn nicht, er findet das eher lustig, Gegenstand einer Reportage von Ausländern zu sein. Als wir ihn und die Herde suchten, hatten wir gewitzelt: „Stell dir vor, wir kommen dorthin und er scrollt in Facebook oder spielt Candy Crush“. Dieses Bild ist weit von der Realität entfernt: Balázs Lebensweise ist altmodisch und die einzigen technologischen Geräte, die er besitzt, sind das alte Telefon, das um den Hals hängt, und ein noch älteres Radio, das er in seiner Kabine hat. „Ich mag es hier, in der Natur, ohne den Lärm der Autos oder den Geruch nach Abgasen. Es ist einfach, aber schön.“

  • Balázs und seine kleine Hütte

Er steht auf einem der Hügel, die den See von Keresztúr umgeben, und zeigt auf eine Schafherde, die am gegenüberliegenden Hang grast: „Diese dort wird auf traditionelle Weise geführt. Es ist teilweise wie eine Genossenschaft mit vielen Eigentümern, und sie wechseln sich beim melken und schlachten ab“. Seine Herde hingegen gehört nur drei Menschen und die Tiere sind gekennzeichnet, um den Besitzer zu identifizieren. Er besitzt 50 Schafe, 18 davon in diesem Stall und die restlichen in Kányád. Sein Schwager Miklós Fazakas besitzt den Rest von mehr als 670 Schafen, wobei Wolle nur ein Nebenprodukt der Zucht ist: Balázs schert die Tiere selbst und verkauft die Schur an eine Tuchfabrik. Aber Fleisch – und in einigen Fällen auch Milch – ist das Hauptprodukt: Lämmer werden nach Griechenland verkauft, wenn sie vier bis fünf Monate alt sind, während ältere Schafe vor Ort geschlachtet werden, solange ihr Fleisch noch zart ist. Miklós ist auch der Besitzer des gesamten Grundstücks rund um den Keresztúr-See und des Sees selbst. Er bezahlt Balázs sowohl in bar als auch in Naturalien, wie zum Beispiel Tabak, Alkohol, Fleisch und selbst angebautes Gemüse. Um den See herum pachtet Miklós Land für andere, um Luzerne anzubauen, und Balázs geht nach der Ernte mit der Herde über das gleiche Gebiet. Es ist eine symbiotische Beziehung: Die Schafe füttern und reinigen und düngen das Land gleichzeitig. Im Winter werden sie in geschlossenen Ställen gehalten, im Frühling und Sommer führt Balázs die Herde um den See. Es gibt weder die Tradition noch die Bedingungen für eine Wandertierhaltung (Transhumanz), für die man, im Gegensatz zu den Hügeln und Wäldern des Széklerlandes große, ebene Weideflächen bräuchte.

  • Schafherde
  • Schafswolle

Balázs‘ Hauptangst sind Bären, die sich von Zeit zu Zeit aus dem Wald wagen und ein oder zwei Schafe töten. Um die Herde zu schützen, setzt er auf seine fünfzehn  Hunde, die jeden Eindringling vergraulen sollen – wie es auch bei uns zu Anfang der Fall war. Das Rudel wird von Rigó geführt, einem schwarzen, verspielten Hund: „Er ist der Kleinste von allen, aber am schlausten“, bekräftigt Balázs. 10 Hunde hätten zu Anfang nicht ausgereicht, deshalb hat er gerade erst einige weitere einem anderen Hirten abgekauft. Es ist 19:00 Uhr und die Sonne sinkt am Himmel. Balázs leitet die Herde nun zum See, wo die Schafe trinken können. In der Zwischenzeit entspannt sich der Hirte in der kleinen Zinnkabine neben dem Stall, wo er das Wichtigste für seine Lebensweise aufbewahrt: etwas Essen, Kleidung, das Radio, Tabak, Pálinka, Wein…. Der Ort ist kaum matratzengroß und hat zwei Räder und einen Haken, um ihn bei Bedarf zu bewegen. Miklós taucht dann auf, bringt die Herde in den Unterstand, wäscht die Hunde und versorgt verletzte Schafe.

  • Balázs und sein Chef putzt ein Hund
  • Schafherde

„Es ist ein sehr ruhiger Job, aber man muss aufpassen und 24 Stunden am Tag wachsam sein, damit Bären die Herde nicht töten“, schließt Balázs.

Wenn diese Geschichte Ihr Interesse geweckt hat, mehr über das ländliche Siebenbürgen zu erfahren, können Sie uns gerne kontaktieren:
· office.ata@gmail.com (unsere Jugendorganisation)
· office.aacs@gmail.com (die lokale Organisation der Landwirte in und um Cristuru Secuiesc)